Kuratorium Theater, Tanz, Performance

Im Klartext

von Andrea Amort

Jedes Kuratorium schafft sich seine Spielregeln und Werkzeuge und richtet seine spezifischen Blickwinkel auf das kulturelle Leben einer Stadt. Auf diese Weise kann es auch flexibel auf Notwendigkeiten und Veränderungen reagieren. Wir* sind seit der Proklamation der Wiener Theaterreform, die ein an sich hehrer Anfang für Veränderung, aber auch realitätsfern formuliert war, das dritte KuratorInnen-Team für die Empfehlung von Projekt- sowie Ein- und Zweijahresförderungen. Wir handeln, wie eingangs beschrieben, bewusst elastisch.
Es ist weiters wichtig, dass eine Vertreterin unseres Kuratoriums auch in der aktuell eingesetzten Jury der Stadt Wien für die Vergabe von bis zu Vierjahres-Förderungen tätig ist und unser Wissen über die Nöte und Ansprüche der Szene auf diese Art dort einfließen kann.
Bei allen unseren Förderempfehlungen, die letztlich von der MA 7 entschieden und in die Tat umgesetzt werden, steht die künstlerische Frage an erster Stelle. Unser Kriterienkatalog ist auf dieser Website nachlesbar. Zeitgenossenschaft und Sichtbarkeit, Denken in Generationen, Nachwuchsförderung sind für uns mehr als Schlagworte. Nationale und internationale Vernetzung ist uns wichtig. Dabei geht es nicht nur um Koproduktionen und Kooperationen, sondern indirekt auch um die Stärkung von Orten in Wien, an denen sich künstlerische Inhalte manifestieren. Gemeint sind damit nicht die Theater-Häuser, die abgesehen von ihrer sehr unterschiedlichen finanziellen Ausstattung seitens der Stadt auch mit Projekt-Geldern bedacht werden. Es geht vielmehr um Orte der freien Szene, um Studios und Lokalitäten, die auch neuen, anderen KünstlerInnen und, wenn möglich, dem Publikum geöffnet werden: Orte, die über künstlerische, öffentlich transportierte Inhalte zur Diskussion stehen.
Die große Wiener Szene ist ein lebendiges Gebilde aus den unterschiedlichsten Ansichten, Einstellungen und Triebkräften, die Theater-, Tanz-, Musik-Theater und Performance aus unterschiedlichster ästhetischer und inhaltlicher Genese für unterschiedlichste Publikumsschichten produziert. Wir bewegen uns in diesem mäandernden Wiener Netz als anregende und aktiv unterstützende Brücken-BauerInnen inmitten Hunderter handelnder Persönlichkeiten.
Dass es zwei neue Plattformen gibt, einerseits von freien Tanz- und Theaterhäusern, andererseits von den freien Musiktheater-Gruppen, ermöglicht ein neues Umgehen mit inhaltlicher und ästhetischer geschärften Präsenzen, aber auch mit technischen Ressourcen und neuen gemeinsamen Proben- und Veranstaltungsräumen. Im Rahmen unserer Jahres-Empfehlungen erwarten wir von den Förderungen dreier sehr unterschiedlich zusammengesetzter und exponierter Musik-Theater-Ensembles, music on line/phace x, progetto semiserio und sirene, intensive Beiträge zur zeitgenössischen, transdisziplinären Musik-Theater-Tanz-Debatte. Johannes Maile (WUK Theater und Tanz) hat seine Spielstätte als wichtigen Drehpunkt für zeitgenössische Kunst formuliert. Johanna Figl will nach ihrem Abschied vom szene-bunte-wähne-Team und dem Dschungel Wien eine ergänzende Plattform für Nachwuchs (u. a. mit Dramaturgie-Angebot) in den Bereichen Tanz und Performance für junges Publikum aufbauen. Erstmals eine Jahresempfehlung haben die auf junges Publikum spezialisierte Regisseurin Sara Ostertag sowie das Tänzer-Choreografen-Kollektiv pufferfish mit Dominik Grünbühel und Luke Baio erhalten.
Willi Dorners intensiver, anhaltender Auslandspräsenz wird Tribut gezollt. In den letzten zwei Jahren gastierte er mit seinen jeweils vor Ort einstudierten urbanen, choreografierten Tanz-Installationen in mehr als vierzig Städten. Gespannt sind wir auch, wie Daniel Aschwanden, der sich klug auf mehrere Beine gestellt hat, die Seestadt Aspern künstlerisch bewegen wird. Ein anderes mobiles Modell hat Anita Kaya entwickelt, die sich mit ihrem Team im_flieger nach dem Abschied aus dem WUK als inhaltlich neu formulierte Initiative mit Anbot für Residencies, Showings und Städte-Kooperationen "fliegend" immer wieder neu verorten will. Ein weiterhin gutes Kooperieren mit den (Wiener) Veranstaltern bzw. dem Erhalten und Aufspüren von anderen Orten wünschen wir Georg Blaschke, Corinne Eckenstein, Elio Gervasi, God's Entertainment, Saskia Hölbling, Anne Juren, Doris Uhlich und Paul Wenninger.
Im Übrigen sind wir für ein bedingungsloses Grundeinkommen (sehr frei nach Armin Thurnher). 

*Andrea Amort und Angela Heide sind im dritten Jahr im Auftrag der Stadt Wien tätig, Andreas Hutter folgte letzten Sommer Jürgen Weishäupl nach.


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