Kuratorium Theater, Tanz, Performance

Begründungen der Projekte von September bis Dezember 2008 und 1 Jahresförderung 2008/2009
Einreichtermin: 15. Jänner 2008

 

Andrea Amort 

Projekt: Retouchings 

Empfohlene Summe: € 30.000.-  

Die Tanzhistorikerin, Publizistin und Journalistin Andrea Amort initiiert und kuratiert, anlässlich des Gedenkjahres 1938 eine Reihe, welche sich mit der Frage der Diskontinuität zwischen den historischen Wurzeln und dem zeitgenössischen Schaffen von ChoreografInnen in Österreich beschäftigt. Wie kann Geschichte für aktuelle künstlerische Tätigkeit genutzt werden? Ausgehend von vertriebenen, verfolgten, inhaftierten oder getöteten KünstlerInnen während des Zweiten Weltkriegs – wie Hanna Berger, Gertrud Bodenwieser, Hilde Holger oder Fritz Berger – lädt die Programmreihe lokale Persönlichkeiten in den geschichtsträchtigen Ort des Odeon ein, sich deren Werke individuell anzueignen und als Ausgangspunkt für neue Kreationen zu nehmen. So soll das bereits erfolgreich präsentierte Projekt retouchings, welches die Mitwirkenden für eine Neuschreibung der Choreografien von Hanna Berger einlädt, durch weitere TeilnehmerInnen erfolgen. Darüber hinaus untersucht Rose Breuss gemeinsam mit Studierenden des Konservatoriums Wien und von IDA in Linz die, zu ihrer Zeit sehr exponierte tänzerische Ausdrucksform von Grete Wiesenthal. Weitere Positionen von Karl Schreiner, Georg Blaschke, Christoph Bochdansky und weiteren österreichischen ChoreografInnen sind geplant. 

  

ASSITEJ Austria                         Kinder-und Jugendtheater
Stefan Rabl, Johanna Figl, Manfed Weissensteiner 

Empfohlen: 1-Jahreszuschuss zu 20.000.- 

 Die ASSITEJ AUSTRIA ist der unabhängige Teil eines internationalen Vereins zur Förderung professioneller darstellender Kunst für ein junges Publikum..Sie umfasst derzeit 78 Mitglieder in ganz Österreich – nahezu alles sind professionelle Theater- und Tanzeinrichtungen. Die ASSITEJ sieht ihre Aufgabe als Servicestelle für ihre Mitglieder, in der Koordinations-, Veranstaltungs- und Vernetzungsarbeit, in der Nachwuchsförderung und in Weiterbildungsangeboten. 

Das Kuratorium möchte mit der Empfehlung zu diesen Aufgaben in Wien beitragen und besonders den Ausbau einer Geschäftsstelle unterstützen. 

  

ASSITEJ Austria                        Kinder-und Jugendtheater
Stefan Rabl, Johanna Figl, Manfred Weissensteiner 

Projekt: Dramaturgiestelle 

Empfohlene Summe: 25.000.- 

 Dieses mehrmonatige Sonderprojekt soll Gruppen, deren Projekte gefördert werden, eine zusätzliche professionelle Dramaturgiebegleitung durch internationale, im Kinder- und Jugendtheater erfahrene, DramaturgInnen ermöglichen. 

Die Empfehlung stützt sich darauf, dass Produktionen im Kinder- und Jugendtheater oft dramaturgische Schwächen aufweisen, und es fehlt ein fundiertes dramaturgisches Feedback. 

Neben der Produktionsbetreuung sollen Workshops zur Weiterbildung von Kinder- und Jugendtheatermachern und StudentInnen angeboten werden. Erfahrung mit Weiterbildung ist demnach ein weiteres Kriterium für die temporäre Besetzung dieser Position.

Zudem ist daran gedacht, das Projekt von StudentInnen der Theaterwissenschaften begleiten und dokumentieren zu lassen. 

  

  

Cakes In Lima                        Figurentheater 

Hannes Kiengraber 

Projekt: Die Geburt 

  

Empfohlene Summe: 8.000.-                        Nachwuchs 

  

Das Künstlerkollektiv um die Figurentheaterspielerin Claudia Weissenbrunner, die Produktionsleiterin Bettina Lukesch und den Videokünstler Hannes Kiengraber hat in ihrer ersten Produktion „Ein feines Haus“ gemeinsam mit der Sängerin Theresa Eipeldauer (Tesa) eine feine, surreale, bild- und figurenreiche sowie klangvolle und musikalische Arbeit im Figurentheater Lilarum gezeigt. 

Ihr nächstes gemeinsames Projekt „Die Geburt“ ist eine surreale Reise, verfasst von Hannes Kiengraber, das den unfertigen Menschen zeigt, wie er durch die Begegnung mit archetypischen Persönlichkeiten in seinem Charakter facettenreicher wird. 

„Cakes in Lima“ soll mit dieser erstmaligen (Nachwuchs)Empfehlung die  Möglichkeit bekommen, ihre ineinandergreifenden Künste – Video, Figurenspiel, Erzählung, Gesang, Livemusik weiterzuführen und zu professionalisieren. Damit verbindet sich die Hoffung, dass wieder eine eigenwillige und einzigartige Produktion entsteht. 

  

  

Das collective                     Kinder- und Jugendtheater 

Maria Spanring 

Projekt: Ente, Tod und Tulpe 

  

Empfohlene Summe: 10.000.-                        Nachwuchs 

  

Die an der Hochschule für Musik und Theater (Zürich) ausgebildeten österreichischen Schauspieler Maria Spanring und Wolfgang Lippert haben gemeinsam mit dem an der Scuola Teatro Dimitri ausgebildeten Clown/Bewegungsakteur Giovanni Russi (Regie) ihr erstes Projekt eingereicht. 

Die Tatsache, das die Hochschule Zürich einen Schwerpunkt Kinder- und Jugendtheater hat, und SchauspielerInnen schon während des Studiums Erfahrungen sammeln, ist ein Grund für die Empfehlung dieses Nachwuchsprojektes. 

Ein weiterer ist die fast komische Geschichte um einen Tod, der eine Ente begleitet (nach dem Kinderbuch von Wolf Erlbruch). Eine Geschichte, die von einer freundschaftliche Beziehung und von der Bindung zwischen Leben und Tod erzählt, die von dem vom Team beabsichtigen Raum für Fantasie und körperlichen Spieleinsatz lebt und von dem unbefangenen Umgang mit dem Thema Tod. 

  

  

Cabula 6 

Claudia Heu und Jeremy Xido 

Jahresförderung 

  

Empfohlene Summe € 50.000.- 

  

Macondo nennt sich ein – flächenmäßig kleines – Stück Land zwischen dem Flughafen Schwechat, einer Zubringer-Autobahn und der Phantasie am Rande von Wien. In diesem einzigartigen transnationalen Mikrokosmos haben sich in den vergangenen 60 Jahren zahlreiche Asylwerber aus Kriegs- und Krisengebieten angesiedelt. Mit den Be- und Einwohnern dieses, für Österreich einzigartigen Ortes, haben sich Claudia Heu und Jeremy Xido bereits in den letzten Jahren beschäftigt. Mit dem Langzeit-ProjektLife on Earth kehren sie nun, um eine Gruppe von KollegInnen aus den verschiedensten Berufsfeldern erweitert, für einen Zeitraum von zwölf Monaten nach Macondo zurück. Das Ziel dieses künstlerischen Forschungsprojektes ist eine umfassende Auseinandersetzung mit den sozialen, kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Aspekten dieses unfreiwilligen Modell des Zusammenlebens. Ein, in diesem Gebiet aufgestellter, Wohncontainer dient den Teilneh­m­er­Innen – wie beispielsweise Mani Obeya, Barbara Kraus, Esel oder Zoe Knights – als Basisstation und „Kontaktzone“, welche sich in einen lebendigen Ort verwandelt, um von verschiedenen Gesichts­punkten zu beleuchten, was unsere Gesellschaft auch ist. Life on earth hebt sich aber in seiner Herangehensweise als auch durch seine direkte Begegnung mit den Bewohnern von Macondo stark von herkömmlich durchgeführten Community-Projekten ab. 

  

Ensemble adhoc 

Leo Krischke            und Annette Schönmüller 

Projekt: Das Medium  - eine Monooper für Mezzosopran von Peter Maxwell Davies 

  

Empfohlene Summe: 32.000.- 

  

Das „Ensemble adhoc“ besteht seit 1998 und war ursprünglich ein Schauspielerensemble um den Regisseur Leo Krischke, das mit eigenen Interpretationen auffiel. 

Seit 2007 arbeitet Krischke mit der Sängerin Annette Schönmüller und dem Ausstatter Friedrich Despalmes zusammen. 

Das musikalische Stück „Das Medium“ ist eine Zumutung für eine Sängerin, die in Grenzbereiche psychischer und gesanglicher Identifikation vordringt. Ebenso für die Zuschauer, die durch die Sängerin in Grenzbereiche geführt werden. 

Die inhaltliche Frage ist: ist die weibliche Figur eine Kindsmörderin, wahnsinnig, verrückt, ein Medium? 

Für die Empfehlung sprach das Gesamtkonzept: Das 3-Raum Anatomietheater mit seiner speziellen Atmosphäre zwischen Schlachthaus, psychiatrischer Klinik und Aufbewahrungshalle spiegelt das Innenleben der Protagonistin wieder. Die Trennung zum Publikum wird aufgehoben, es wird bewusst auf zusätzliche Technik verzichtet, dafür auf  assoziative Höreindrücke (Atemgeräusche, Wasserbassin usw.) fokussiert. Die Sängerin singt „pur“, d.h. ohne Instrumentalbegleitung. 

Der Komponist Peter Maxwell Davies (geb. 1934) zählt in der Nachfolge Benjamin Brittens zu den bedeutensten der musikalischen Avantgarde. 

„Das Medium“ verspricht herausforderndes, avantgardistisches Musiktheater zu werden,  mit einem klaren Raum-Lichtkonzept und entsprechenden einzigartigen Klang-Stimmeindrücken. 

  

  

God´s Entertainment 

Boris Ceko, Simon Steinhauser, Maja Degirmendzi 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: 60.000.- 

  

Das junge internationale Darstellerkollektiv, vor einem Jahr noch Nachwuchs, hat ein berauschendes Jahr hinter sich. 

Ihre grenzüberschreitenden Produktionen „Fight Club“ und „Wien ist anders“ erhielten zahlreiche Einladungen , wie z.B. zum Donaufestival oder dem deutschen Off-Theaterfestival IMPULSE 2008. Mit ihrer letzten Produktion „Auf dem Weg nach Europa“ vertrat GE  brut  bei Freischwimmer 2008, der deutschsprachigen Plattform für junges Theater, mit Auftritten in  Berlin, Zürich, Wien, Düsseldorf und Hamburg. 

Theater als Party, als kulturelles Identifikationsangebot, als Intervention, nahe am Rausch und nahe an sozialen Brüchen. Ein Arbeitsamt sorgt für kalkulierte Partizipation, die dann doch wieder völlig anders laufen kann. Das Publikum drängt sprichwörtlich nach Europa, drängt auf den Arbeitsmarkt, wird verführt zur Grenzüberschreitungen. 

In ihren Projektvorhaben gibt es wieder „Aufreger“, neue Happening-Zustände mit Themen der Zeit, scheinbare Improvisation und doch strigente Konzepte. 

„Passantenbeschimpfung“ nach Handke wird wieder im öffentlichen Raum stattfinden, Publikum mit Mikrophonen – Handke Texte vorlesen. Konzept weitergeführt mit literarischen einst provokanten Texten, in denen sich Publikum als Darsteller selbst beschimpft. 

„Human Zoo“ – eine perfomative Installation, in der soziale Randgruppen (Arbeitsloser, Alkoholiker, Künstler, Neureicher, Pelzmantelträger usw.) öffentlich ausgestellt werden, in der Tradition des Anormalitätenzoos des 19.Jh. Von welcher Perspektive aus, ist man „Außenseiter?. Die Frage, wie wird man die Passivität des Publikums erkennen können, wenn das herkömmliche Setting fällt. 

„Tirol isch lei oans“ – eine Fotostrecke, Absurdität von nationalen/regionalen Klischeevorstellungen. Klischees mit Klischees aufdecken. Spiele mit Klischees, Wahrnehmungen, Grenzen, freiwilliger Selbstkontrolle oder Aufgabe. 

Lebendig, impulsgebend, vielfältige Aktivitäten. Thematisieren Rollenwechsel des Zuschauers zu bewusst Mitwirkenden. Einfache und klare Grundannahmen, die Zuschauer in eine abseits des traditionellen Dramaturgieverständnisses, führt. 

Weiters ist geplant die Vorgruppe – SuperNase und Co – zur Verringerung ästhetischer Ansprüche einzufügen. Sie setzt sich u.a mit Bollywoodfilmen auseinander. 

Frech, nicht einzuordnen, trotzdem konzeptuelle Herangehensweise. 

  

Martina Grohmann 

Künstlerische Leitung: Kerstin Lenhard und Martina Grohmann 

Projekt: Der Lohndrücker 

 Empfohlene Summe € 10.000.- 

Schlagt euch nicht die Schädel ein, zerbrecht euch lieber den Kopf“. Heiner Müllers Text Der Lohndrücker datiert Ende der 50er Jahre und steht ganz in der Tradition von Brechts Lehrstücken. Regisseurin Kerstin Lenhart nähert sich diesem Stoff gemeinsam mit der Dramaturgin Martina Grohmann aus einer sehr heutigen Perspektive an: die allgegenwärtige Globalisierung, das Zeitalter eines Post-Kapitalismus, welche unsere Lebenswirklichkeit zu bestimmen scheint und die Trennung zwischen West und Ost längst der Vergangenheit angehört. In ihrer theatralen Umsetzung operieren sie mit einem (utopischen) Gesellschafts­entwurf, dem es möglich ist, die tief klaffende Schlucht zwischen Arm und Reich zu schließen. Der Lohndrückerstellt inhaltlich den Gegenentwurf zu ihrer letzten Arbeit „Minusvisionen“ dar, die sich mit dem grassierenden Phänomen der individuellen Ich-AG beschäftigte, und rückt diesmal das Kollektiv an erste Stelle.  Für die Koproduktion zwischen den Sophiensälen Berlin und brut Wien wird ein Team aus beiden Städten zusammengestellt, das stellvertretend für eine globalisierte Welt steht und unterschiedliche Erfahrungen – wie etwa Tanz oder Schauspiel – mitbringen soll. 

  

  

Im_Flieger 

Leitung: Anita Kaya, Katharina Weinhuber, Markus Bruckner 

Jahresförderung 

 Empfohlene Summe € 60.000.- 

  

In der kommenden Saison wird das erfolgreich etablierte Konzept von Im_Flieger fortgeführt und die bisher zahlreichen Aktivitäten noch weiter ausgebaut. Das künstlerische und organi­satorische Leitungsteam – Anita Kaya, Katharina Weinhuber und Markus Bruckner – stellt den präsentierten KünstlerInnen eine flexible Struktur zur Verfügung, welche heterogene Aufführ­ungs-, Proben- und Rechercheformate anbietet. Neben der nicht kuratierten Präsentations­plattform Wilde Mischung, dem offenen Diskursformat Invites, welche in den vergangenen Jahren vielen jüngeren Tanz- und Performanceschaffenden eine Auftritts- und Austausch­möglichkeiten bot, wird im Jänner ´09 zum zweiten Mal Crossbreeds stattfinden. Dieser Schwerpunkt stellt vor­wiegend Positionen vor, die an der Schnittstelle zwischen Film, Video, Neuen Medien und Per­formance angesiedelt sind und sich über die gesamten Räume des WUK-Areals erstrecken. Weiters ist mit der Eröffnung des Schauraumes im letzten Winter in unmittelbarer Nähe zum WUK ein zweiter Ort entstanden, der sich nicht nur in den städtischen Raum hinein öffnet, sondern zudem eine wichtige örtliche Erweiterung darstellt und somit eine kontinuierliche Präsenz für Im_Flieger gewährleistet. 

  

  

INSTITUT FÜR JUGENDLITERATUR 

Karin Haller 

Projekt: Schreibzeit für junges Publikum 2 

  

Empfohlene Summe: 5.000.- 

  

„Schreibzeit“ ist eine auf eine Prosa- und Dramatik-Ausschreibung folgende einjährige Begleitung der ausgewählten AutorInnen. Co-Produziert wird sie vom Buchclub der Jugend, Dschungel Wien, dem Institut für Jugendliteratur und dem Kaiserverlag. 

„Schreibzeit 2“ ist die Fortsetzung des zeichensetzenden Pilotprojektes „Schreibzeit 1“ (2005/2006), das in der Aufführung des besten Stückes „Live fast, die young“ im Dschungel Wien (Herbst 2007) gipfelte. 

Ziel von „Schreibzeit 2“ ist die Findung neuer Talente, die kontinuierlich für Kinder und Jugendliche Literatur bzw. Stücke schreiben. Die von einer Fachjury ausgewählten TeilnehmerInnen erhalten jeweils individuelle Einzeltutoren, die in Einzelgesprächen den entstehenden Text reflektieren. Peergroups dienen zum Austausch und der Kritik der TeilnehmerInnen untereinander. Die Kuratorenempfehlung beschränkt sich auf den Zuschuss zur Förderung junger DramatikerInnen. Schreiben für Kinder- und Jugendtheater hat in Österreich nach wie vor den Nimbus des Herzigen und keinen hohen Stellenwert in der Kunst und Gesellschaft. Ausbildung gibt es sowieso keine. Hier leistet „Schreibzeit“ Pionierarbeit 

  

  

  

Kabinett ad Co 

Paul Wenninger 

Jahresförderung 

  

Empfohlene Summe: € 60.000.- 

  

Mit seinen abendfüllenden Stücken +++++ und tubed hat Paul Wenninger zwei Kompositionen geschaffen, die den Zuschauer und seine Sehgewohnheiten durch ihre formal stringenten choreografischen Setzungen, deren Handlungen und Bilder gleichzeitig ständig gebrochen werden, herausfordern. Für das kommende Jahr plant der Verein Kabinett ad Co die Gestaltung von drei Präsentationsräumen, in denen orts- und raumspezifisch recherchiert und präsentiert wird. Thematisch wird die Kerngruppe, bestehend aus Rotraud Kern, Leo Schatzl, Olivier Gelpe und Paul Wenninger selbst, an die vorangegangene Auseinandersetzung mit der Semantik von Raum, Körper und Objekt und deren Verhältnissen zueinander, anknüpfen. Im Zentrum steht in der kommenden Saison allerdings die Inszenierung im öffentlichen Raum. Zum einen der kontextuelle Raum, der sich aus den architektonischen und infrastrukturellen Gegebenheiten der Örtlichkeit, gleichsam wie ein Parasit, speist. Dafür wird eine Konstruktion aus Karton, welche sich über äußere Einflüsse materialisiert, in der Stadt installiert, die für Besucher permanent offen ist und an punktuellen Momenten bespielt wird. Zum anderen dient ein großer Supermarkt den Akteuren als Themen-Raum, der mit all seinen Konnotationen und Eigenschaften als fertig inszenierte Bühne eingesetzt wird. Dabei wird das Warenlager zum Fundus, aus dem sich die ProtagonistInnen, angetrieben durch die Anweisungen eines Archivars, bedienen und durch die Verwendung der Alltagsgegenstände den Kontext de- und rekonstruieren. 

  

  

  

PALASTTHEATER – Drama X 

Ali M. Abdullah, Harald Posch 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: 160.000.- 

  

„Drama X“ wurde von Ali Abdullah und Harald Posch als „Autorentheater“ gegründet. Erstes deutliches Zeichen gaben sie mit „Drama X –04-one-night –stand“ - Stücke für eine Nacht, in der 250 Stücke von 10 Autoren gespielt wurden. Der Entwicklung von Stücken durch beauftrage Autoren, die griffigen und doch politischen Themen, die zugespitzten, mammuthaften Aufführungen in kürzester Zeit machten Drama X bzw. das Palasttheater in kurzer Zeit zu dem Theaterereignis, bei dem interessante, oft aufstrebende,  in ihren Ansätzen ganz unterschiedliche und ambitionierte AutorInnen, RegisseurInnen und DarstellerInnen mitwirkten. Resultate waren 2005 –das „vierundzwanzigstundenwerk“, 2006 der Dramatikerwettbewerb zum Thema „Die Welt ist gut, wie sie ist – 10 Sieger bringen ihr Text nach eigener Vorstellung auf die Bühne, 

2007 – New New West“ -5 RegisseurInnen waren eingeladen 5 Filmdokumentationen genuin auf die Bühne zu bringen. Gastspiele und Ko-Produktionen an und mit renommierten Häusen folgten. 

Die letzte Projektreihe „Labor der Niederlagen“ beschäftigte sich mit neoliberalen Arbeits- und Lebensverhältnissen, anhand von Adaptionen, wie die des Romans „The Cockahola Company“,   von Lebensberatungsbüchern und dem Film „Faust im Nacken. 

Drama X“ verließ dafür den vorhergegangenen Weg und setzte im U3-Besucherforum einen Spielplan mit den Eigenproduktionen in der Regie von Samuel Schwarz, Hali.Abdullah, Harald Posch, Philine Velhagen/Barabara TeKock und Nehle Dick und Gastspielen an. 

Konsequent blieb der Weg der vielfältigen künstlerischen Zugänge, der Auffassung „think big“ auch in der Off-Theaterszene und der Grandwanderung zwischen Event und sozialkritischem Theater. 

Nachdem sich Drama X in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig mit zeitgenössischen Künstlern beschäftigt hat, soll das geförderte Projekt den Blick auf bis heute prägende Traditionen richten und der gängigen Rezeption von Nestroys Werken einen zeitgenössisch-emanzipativen Ansatz entgegensetzen.. 

2 Teile sind geplant. 

„Deconstruction“ – eventuell mit einer bildenden Künstlergruppe zur Raumgestaltung. 

4 Regisseure arbeiten an unterschiedlichen Postionen Nestroys übergreifend an all seinen Stücken und verdichten sie zu einem 5stüdnigen Abend mit insgesamt 40 DarstellerInnen. 

„Construction“ – 4 Autoren sind eingeladen 4 zentrale Werke von Nestry zu überschreiben. 

Das Projekt ist inhaltlich mit dem neuem Kabelwerk (als niedrigschwelligem Kulturraum) verbunden. 

Drama X hat es geschafft, Theater  zu machen, dass trotz internationaler Mitwirkender in der Stadt verankert ist. Ali Abdullah und Harald Posch finden überraschende, zeitgenössische Themen., spielen mit Formaten und wagen riskante Kombinationen. Deshalb finden wir, dass sie zu den wichtigsten Theatermachern dieser Stadt zählen. 

  

performancereviewcommittee 

Christoph Ernst 

Projekt: Der Nacktmull – Komische Operette in 3 Akten 

  

Empfohlene Summe: 30.000.- 

  

prc ist eine Arbeits- und Kommunikationsplattform, die künstlerisch tätige Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen auf Zeit zusammenführt, um gemeinsam virulente gesellschaftspolitische Fragen zu untersuchen. Ihr erstes Projekt in dieser Formation war „Wir rufen auf! Das war das Glück der Mittelschicht“ (zuvor inszenierte Christoph Ernst das aufmerksamkeitserregende „Enron“ für Drama X „New New West“): eine theatrale Performance, die mit Mitteln des Fee Jazz arbeitet – Theorieversatzstücke werden von den Akteuren, gestützt durch eine Materialsammlung, frei improvisierend einander zugespielt. Thematisiert wird das wohl eingerichtete Mittelstandsleben der ehemaligen Linken, die ihren Abstieg fürchtet und sich an die Phrasen der Vergangenheit klammert, wie an die Annehmlichkeiten der Gegenwart. 

Frei nach dem Motto (nach einem Zitat von Heiner Müller) „Solange es Zitate gibt, machen wir nichts eigenes“ überprüfen prc Aussagen, Zitate und ihre Anwendungen bei einer Performance. Die autonomen Perfomer haben die Möglichkeit mit den überprüftem Texten frei zu spielen, sie gestalten mit Exzerpten des gesammelten Materials den Handlungsablauf. Jede Vorstellung ist  neu, manchmal ein gewagtes Spiel, auf das sich die Zuschauer einlassen müssen, denn Abgründe sind schnell sichtbar. Prc arbeiten risikoreich und erreichen mit ihrer Methode eine neuartige Inhalt-Form-Symbiose 

Nun sind prc auf der Suche nach einem utopischen Genre und fanden: die Operette. 

Sie finden in der Operette des 19.Jh eine subversive Kunstform gegen die höfische und großbürgerliche Gesellschaft und stellen sie in eine heute vergleichbaregesellschaftspolitische Zeitschwelle. 

Geplant ist, eine Perfomance- Operette zu erfinden aus verschiedenen Materialen und Musikrichtungen, die prc-Mitgründer und Musiker Martin Weckesser  sichtet, und damit ähnlich verfährt, wie mit den Textzitaten aus den vorhergehenden Produktionen. 

Wie „Wir rufen auf!“ soll auch „Nacktmull“ eine Co-Produktion von brut und den Sophiensälen  in Berlin werden. 

  

Szene Bunte Wähne            - 12. Tanzfestival für ein junges Publikum 

Markus Mirco, Johanna Figl 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: 100.000.- 

  

Siehe auch: Begründungen 15. Jänner 2007 

  

Tanz als Kunstform, die auf Bewegung, Rhythmus, Musik basiert, hat die Möglichkeit  Kinder und Jugendliche aller gesellschaftlicher Schichten und unterschiedlicher ethnischer Herkunft ohne Sprachbarrieren direkt zu erreichen. 

Szene Bunte Wähne plant für das nächste Tanzfestival eine internationale Ausrichtung und wieder ein vielfältiges Programm an verschiedenen Spielorten wie Dschungel Wien, brut und Tanzquartier. So wichtig die Einbeziehung heimischer Gruppen ist, ist es auch die Aufgabe eines Festivals, internationale Produktionen zu präsentieren,  um Publikum und heimischen KünstlerInnen Impulse zu  und Gelegenheit zu einer Standortüberprüfung zu geben. 

Ein Festival dieser Größenordnung und Kontinuität  sprengt eigentlich den Rahmen der Projektförderung. 

  

  

Second Nature 

Christine Gaigg 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: € 60.000.- 

  

  

Mit ihren letzten abendfüllenden Stücke trike und Über Tiere, beide sind in Koproduktion mit dem Neumarkt Theater in Zürich entstanden, hat die renommierte Künstlerin Christine Gaigg eindrucksvoll bewiesen, wie Textfragmente beziehungsweise eine Sprachfläche choreografisch interpretiert werden können. Das Miteinander von Schauspielern und Tänzern, die Verschaltung von Bewegung und Sprache und die gelungenen räumlichen Settings, machten die beiden Abende zu stimmigen Gesamtwerken. Die Vorhaben für die kommende Saison beinhalten eine Bühnenproduktion für fünf Darstell­erInnen, welche sich mit dem – von Dirk Baecker geprägten – kulturtheoretischen Begriff der „nächsten Gesellschaft“ konfrontiert und das Verhältnis von analog und digital untersucht. Das Rhythmisieren von zeitlichem Geschehen wird über ein technisch komplexes System, dem extra programmierten Visual Loop Generator, hergestellt und generiert durch den individuellen Umgang der InterpretInnen eine Bewegungspartitur, welche in einer ständigen Zirkulation von Hierarchie, Dominanz und Kontrolle besteht. In enger Zusammenarbeit mit dem zeitgenös­sischen Komponisten Bernhard Lang, der einen Sound­score entwickelt, werden die profilierten Second Nature Tänzerinnen Virginie Roy, Veronika Zott und Barbara Motschiunik zu sehen sein. Des Weiteren plant Christine Gaigg eine Präsentation, des 2006 in Brüssel gezeigten Projektes V-Trike, bei dem die Tanzdramaturgin und Theoretikerin Bojana Cvejic involviert ist. 

  

  

Stadttheater Wien / Fritzpunkt 

Anne Mertin und Fred Büchel 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: € 45.000.- 

  

Seit mehr als fünf Jahren haben sich die beiden Theatermacher Anne Mertin und Fred Büchel mit dem literarischen Werk der, im letzten Oktober verstorbenen, österreichischen Autorin Marianne Fritz intensiv beschäftigt und deren solitären Werke zur Grundlage der Prozessarbeit des Stadttheater Wien gemacht. Für die kommende Saison wird nun unter dem Titel Die Festungeine umfassende szenische Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk der Literatin unternommen. Einmal mehr begibt sich Fritzpunkt mit diesem Textkonvolut, das in seiner Klang- und Rhythmuskapazität und seiner formalen Ausprägung einzigartig ist, auf ortsspezifische Erkundungen, welche mit konventionellen Drama­tisierungen bewusst brechen. In Die Schwerkraft der Verhältnisse im roten Wien fokussiert das Kollektiv einen Gemeindebau in Währing, präperiert ebendort einzelne Wohnungen, untersucht die Verhaltensweisen der Mietparteien und erstellt gemeinsam mit ihnen eine Textfassung. Die Stiege 3 des Toeplerhofes wird somit mit der Geschichte der Vorstadt-Medea aus dem Werk von Marianne Fritz in Bezug gesetzt. Der zweite Teil des Projektes passiert im 14. Bezirk, auf dem brachliegenden Gelände eines ehemaligen Hobelwerkes. In einer viertägigen Klausur stellt sich die Gruppe den naturgemäßen Gegebenheiten: kein elektrisches Licht, ein schönes Stück Wiese, eine Gemeinschaftsküche. Die anwesenden Personen stellen Rollen aus dem Roman Das Kind der Gewalt oder die Sterne der Romani nach und stellen die Existenz eines völlig illusionistischen Raums auf die Probe. Der vorläufig abschließende vierte Teil (der dritte Teil findet beim in Graz im Rahmen des steirischen herbstes statt) installiert ein raumgroßes Rhythmus- und Klanginstrument aus Holz in der ehemaligen Stadt des Kindes. Die Fähigkeit des Hörens erfährt in Wenn du mein Hirn gefunden hast, erzähle ihm Vertrautes, angereichert von Marianne Fritz-Texten, eine ganz spezifische Direktheit. 

  

  

Anat Stainberg 

Projekt: The Loop 

  

Empfohlene Summe: € 12.000.- 

  

  

Die nach wie vor hierarchische Beziehung zwischen Bühne und Zuschauer hinterfragt und „inszeniert“ die, in Israel geborene und in Amsterdam ausgebildete, und seit einem Jahr in Wien lebende Performerin Anat Stainberg in brut künstlerhaus. Hierfür beschäftigt sie sich in ihrer Recherche eingehend mit den, in ihrer Zeit, als avantgardistisch geltenden österreichischen Architekten, Bühnenbilder und Theoretiker Oskar Strnad und Frederick Kiesler. Beide verfolgten in Wien und Berlin in den 20er Jahren unkonventionelle Ideen und experimentelle Vorstellungen von Theater- und Zuschauerräumen. Sie präsentierten Entwürfe für eine kreisrunde Bühne und ein rundes Theater als Einheit, welche die typische zweidimensionale Perspektive aufhebt. An diesem Punkt beginnt der Forschungs- und Probenprozess von Anat Stainberg, der sich intensiv mit den vorgefundenen Gegebenheiten, aber auch den weiteren Möglichkeiten des Systems Theaters  beschäftigt. Gemeinsam mit ihrem Team, dem Musiker Martin Siewert, dem Lichtdesigner Jan Maertens, dem Dramaturgen Erwin Jans und dem Bühnenbildner James Beckett, arbeitet sie über einen längeren Zeitraum vor Ort, involviert in den öffentlichen Präsentationen völlig unhierarchisch alle Mitwirkenden sowie die Zuschauer selbst und nimmt somit alle „Beteiligten“ in eine gemeinsame Verantwortung für den finalen künstlerischen Akt. 

  

Theater ISKRA 

Nika Sommeregger 

Projekt: Adieu Marie 

  

Empfohlene Summe: 30.000.- 

  

Das von Tini Cermak in den neunziger Jahren verfasste Stück wurde von ihr selbst im Caroussel Theater in Berlin uraufgeführt. Es untersucht das Verhältnis von Enkel und Großmutter, bringt das Generationenthema in die Präsenz des Todes ein. 

In Tini Cermaks starken Zweipersonenstück für Kinder „Adieu Marie“ stehen nicht nur zwei unterschiedliche Generationen – Großmutter/Enkeltochter – im Zentrum, sondern das für Kinder immer noch tabuisierte Thema Tod. In Rückblenden erinnert sich das achtjährige Mädchen Marie an seine Großmutter, die es liebevoll, herzlich und mit sehr viel Humor durchs Leben begleitet. Als sie stirbt, versucht das Kind, dem niemand gesagt hat, dass Menschen sterben, Fragen zu stellen, mit den vielen aufbrechenden Emotionen zu Recht zu kommen. 

Die Regisseurin Nika Sommeregger hat immer wieder Stücke mit brisanten Themen und schwierigen Beziehungen aufgegriffen. Gerade mit Themen, dies owohl Sensibilität als auch Distanz brauchen hat sie Fingerspitzengefühl mit künstlerischem Anspruch gepaart. 

Außerdem ist es gut, dass Tini Cermaks zeitloses Stück in Wien wieder aufgeführt wird. 

  

  

Theater ISKRA 

Nika Sommeregger 

Projekt: Weiterleben – eine Jugend                        

  

Wiederaufnahme 

Empfohlene Summe: 7.000.- 

  

Das Theaterstück nach dem Buch von Ruth Klüger in einer Bühnenfassung von Hubertus Zorell und Pete Belcher hatte 2001 sehr erfolgreich Premiere, der viele Aufführungen in ganz Österreich folgten. 

„Ruth Klügers Kindheitserinnerung gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Texten über den Holocaust. Die Autoren der Dramatiserung, die Regisseurin und die beiden Darstellerinnen haben einen Weg gefunden, der dem Buch, soweit als möglich, gerecht wird.“ (Peter Huemer) 

Eine sehr einfühlsame, dichte von Maria Hofstätter und Martina Spitzer getragene Produktion, die ohne Betroffenheitsklischees auskommt. 

Die Aktualität von Ruth Klügers Buch „Weiterleben—eine Jugend“ bestätigt, dass es 2008 für die Gratisbuchaktion der Stadt Wien ausgewählt wurde. 

  

  

Tanztheater Homunculus 

Nikolaus Selimov und Nikolaus Adler 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: € 50.000.- 

  

  

In ihrer Jahreseinreichung haben Nikolaus Adler und Nikolaus Selimov, die beiden künstler­ischen Leiter des Tanztheater Homunculus, zwei Stücke vorgesehen. Zum einen unter dem Titel Oedipus is complex eine tänzerische Umsetzung des Mythos Ödipus, welche mittels heutigen Bildern die Frage nach individueller Schuld stellt und rückblickend das Leben wie einem Film Noir ablaufen lässt. Gemeinsam mit den drei Gästen Anna Hein, Boris Nebyla und Karl Schreiner wird das fixe Ensemble in der Choreografie von Nikolaus Adler diese Spurensuche nach Verantwortung, Vergessen und Verdrängen betreiben. Als zweites Vorhaben plant Bernd R. Bienert eine Performance für zwanzig DarstellerInnen, welche die portugiesische Nelkenrevolution als Ausgangspunkt nimmt. Dabei werden die Mitwirkenden kein Schriftvokabular des Choreografen ausführen, sondern mit einem Text arbeiten, der über Zeichen vermittelt wird und ebendiese Zeichen sollen wiederum die Choreografie des Abends ergeben. 

  

  

  

Verein Chimera 

Daniel Aschwanden 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: € 40.000.- 

  

Unter der künstlerischen Ägide von Daniel Aschwanden und Katherina Zakravsky vertieft das Pathosbüro mit dem Kernteam von KollaborateurInnen – Cezary Tomaszewski, Radek Hewelt, Amanda Pina, Sabile Rasiti und Doris Uhlich – nun für ein weiteres Jahr seine praktischen und theoretischen Fragestellungen zu Geste und Pathos des Alltags. In den Fokus rückt nun die umfassende Beschäftigung mit der Thematik des Re-Enactement. Dabei generiert die Gruppe heterogene hybride Formate, die Performance, Film und Show verbinden und erzeugt genreübergreifende und formal heterogene Live-Aktionen, die darüber hinaus um theoretische Texte und diskursive Lectures angereichert werden. Ab Herbst erfolgt eine enge Zusammen­arbeit mit SCREENtv und Thomas Jelinek, welche die bisher rahmende Funktion des Moderierens auf ihren Pathosgehalt hin überprüft. Parallel dazu ist ein methodisches Setting geplant, bei dem „Containerbeding­ung­en“ ein Reality-TV simulieren und somit Rohmaterial produzieren, dass dann vom Kollektiv des Pathosbüros transformiert wird. Neben den Live-Performances wird eine umfassende Dokumentation der Aktivitäten via Internet sowie über das zweimal pro Jahr publizierte Magazin erfolgen und praxisnahe Lese- und Konversationszirkel den interdisziplinären Diskurs fortsetzen. 

  

  

Verein für dramatische Kunst – Die Schwimmerinnen 

Katrin Schurich 

in Kooperation mit lunatics produktion, Berlin 

Tobias Rausch 

  

Empfohlene Summe: 16,000.- 

Das Berliner Produktionskollektiv lunatic produktion entwickelt seit 2.01 Theaterinszenierungen auf der Basis von Recherchen . So rekonstruierte die Inszenierung „Westflug“ (2006) auf Basis von Stasi-Akten und Zeitzeugen-Berichten die Entführung eines Flugzeuges von Ost- nach Westberlin. Spielort war der Flughafen Tempelhof. 

Das Projekt „sprengpunkte“ am Staatstheater Stuttgart erzählte mit Unterstützung der Stuttgarter Kriminalpolizei die Geschichte einer Serie von Sprengstoffanschlägen nach, welche die Stadt jahrelang in Atem gehalten hat. Bei der Produktion „living rooms“ konnte man seine eigene Wohnung über ebay für einen Theaterabend zur Verfügung stellen und das einzulandende Publikum selbst bestimmen. Die Fragestellung war: Wo fängt die Privatsphäre an? Und was passiert, wenn ein Fremder eindringt? 

Mit dem neuen Projekt „Toxoplasma“ verfolgen lunatiks einen Fall, der sich 1994 in der tschechischen Kleinstadt  K: ereignet hat – eine Toxoplasma-Epidemie, die bei den betroffenen Personen zu emotionaler Enthemmung, zu Verlust des Schamgefühls und moralischen Bedenken geführt hat. Rausch benutzt den Fall und seine temporären Nachwirkungen, um die daraus folgenden Veränderungen des sozialen Lebens und des Miteinanders über das Theatermodell zu vergrößern und im kommunikativen Raum mit dem Publikum gemeinsam durchzuspielen 

Katrin Schurich und Tobias Rausch haben an einem Workshop im Rahmen des Berliner Theatertreffens teilgenommen und aus der Zusammenarbeit heraus beschlossen,  ein Projekt  zu machen, wobei Katrin Schurich als Schauspielerin (eventuell mit einem zweiten Kollegen aus Wien) mitwirken  und Tobias Rausch Regie führen wird. An eine Erweiterung der Zusammenarbeit ist gedacht. 

Der Großteil der Subvention wird demnach auch von dem Berliner Hauptstadtkulturfonds getragen.  „Toxoplasma“ wird in HAU Berlin, Lofft Leipzig,  und im 3-Raum-Anatomietheater gespielt werden. 

  

  

  

Verein IMMOMENT                                       

Claudia Bühlmann 

Projekt: Die 2. Prinzessin 

  

Empfohlene Summe: 20.000.- 

  

Die 2. Prinzessin behandelt Rivalität und Eifersucht unter Geschwistern -  das Gefühl, benachteiligt, nicht ernst genommen zu werden, weniger Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Hier ist es die 2. Prinzessin, die Jüngere, die zusehen muss, wie die 1. Prinzessin immer im Rampenlicht steht. Aber sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. 

Nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Hiawyn Oram und Tony Ross , ist die Dramatisierung von Gertrud Pigor ein „typisches Musical. Claudia Bühlmann hat allerdings ein Konzept, indem die Musik ein eigener aktiver Kommunikationsmoment wird. In diesem Konzept gibt es mehrere Ebenen, die über die vordergründige hinausgehen: 

Die Suche nach Verdichtung von Bewegung, Musik und Spiel über die Poesie des Momentes, die Suche nach Tragik und Komik in der Emotionalität des Kampfes, der Brüche und des Wendepunktes in einer Beziehung zwischen zwei Menschen. 

Claudia Bühlmann stellt in ihrem Konzept Fragen, die in einer künstlerischen Auseinandersetzung mit einem Thema auftauchen, unabhängig davon, ob es sich um Theater für Kinder handelt.  Sie macht sich ästhetische Gedanken und arbeitet mit  einer guten Schauspielerin –Eva Klemt – zusammen. Gutes Kindertheater braucht gute Leute. 

  

Für die Kuratoren-Empfehlung ist neben der Qualität der KünstlerInnen, das Zusammenwirken der bis jetzt sehr unterschiedlich orientierten Gruppen auschlaggebend, das neugierig macht. 

  

  

Video vis-a-vis 

Jan Machacek 

Projekt: I got you delay 

  

Empfohlene Summe: € 12.000.- 

  

Inspiriert von Chris Markers Kurzfilm „La Jetee“ begeben sich die beiden Künstler Jan Machacek und Anat Stainberg auf eine performative Reise in die Vergangenheit. Die filmische Vorlage aus dem Jahr 1962, eine Art Fotoroman, der ausschließlich über Standbilder erzählt wird, beschreibt ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit, welches durch eine permanent stattfindende Erinnerungsarbeit zu einer neuen Handlung zusammengesetzt wird. In I got you delay werden nun zwei individuelle Erinnerungen miteinander konfrontiert, die in eine Art Filmset eingebettet sind und Momente rekonstruieren, deren Sinn sich erst über die Dauer erschließen und sich dabei doch nie ganz entschlüsseln lassen. In einer spiegelbildartigen (Raum)Situation, voneinander durch eine Projektionsfläche getrennt, werden die beiden Protagonisten identische Handlungen vollziehen, szenische Bilder erzeugen, miteinander verbinden, darauf reagieren und durch diese Kette von Ereignissen das Prinzip von Ursache und Wirkung ad absurdum führen. Jan Machaceks bisherige Projekte – erase remake, faces and names oder wie unlängst beim Donaufestival in Krems zu erleben – überzeugten durch ihr intelligentes Zusammenspiel aus Video und Film, Projektion, Musik und performativem Spiel, das in seinen inhaltlichen Fragestellungen und konzeptuellen Umsetzungen stets originäre Wege beschreitet. 

  

Vienna Body Archives 

Jahresförderung 

  

Empfohlene Summe: € 20.000.- 

  

Seit seinem Online-Gang im Oktober 2006 hat sich diskursorientierte Tanzmedium Corpus im gesamten deutschsprachigen Raum erfolgreich durchgesetzt. Die progressive inhaltliche Ausrichtung, die heterogene Auswahl der Themen, die originelle Aufbereitung der einzelnen Beiträge bestechen gleichermaßen durch ihre profunde wie ausführliche Berichterstattung. Dazu kommt – neben dem fixen Redaktionsstab – ein hochkarätiges, international rekrutiertes, Team von AutorInnen, welche Journalismus auf hohem Niveau garantieren. Für das kommende Jahr plant das Corpus-Team ein virtuelles Online-Symposium, das nicht nur Texte veröffentlicht, sondern auch Foren öffnet, die von LeserInnen, TeilnehmerInnen und der Redaktion genutzt werden und somit einen virulenten Austausch zwischen allen Interessierten intendiert. Ein weiterer Schwerpunkt wird sich – parallel zur Viennale – mit den Choreografien im zeitgenössischen Film befassen, daneben erfolgt die Produktion eines Readers, der eine Art Best-Off der vergangenen zwei Jahre versammelt. Darüber hinaus ist es dem Magazin gelungen, zahlreiche Kooperationen mit wichtigen nationalen und internationalen Partnern, wie etwa der Sommerszene Salzburg (2007), dem Tanzplan Deutschland (Februar 2008) oder dem steirischen herbst (2008) einzugehen und bietet mit seinem gut recherchierten Serviceteil wichtige Informationen für alle Tanz- und Performanceschaffenden. 

  

  

Vienna Magic 

Oleg Soulimenko 

Projekt: Easy Come, easy go 

  

Empfohlene Summe: € 28.000.- 

  

  

Seit mehr als zehn Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Russe Oleg Soulimenko in Wien und hat sich durch seine spezifische Bewegungssprache und seinem originären Choreografiestil auch international erfolgreich etabliert. Sein umtriebiges Schaffen inkludiert neben einer Vielzahl von improvisierten Projekten, der kontinuierlichen Kollaboration mit dem bildenden Künstler Markus Schinwald auch eine Reihe von  choreografischen Kompositionen, die sich durch ihre formale Stringenz und einen subtilen Humor auszeichnen. Für das Projekt Easy come, easy go möchte er nun mit einer größeren Gruppe, bestehend aus nichtprofessionellen Performern und ausgebildeten Tänzern arbeiten. Das Interesse gilt dabei den unterschiedlichen Prägungen und Erfahrungen sowie den verschiedenen Körperbildern, welche die einzelnen Mitwirkenden einbringen. Untersucht wird dabei das Verhältnis zwischen Performance, Körper und Objekten. Die vier Performerinnen setzen sich in Beziehung zu einem System von Objekten und einem Bühnensetup, das sowohl ihr spezifisches Charisma als auch das jeweilige Körperpotenzial zum Ausdruck bringen wird. Narrative Kommentare entstehen durch Malen auf der Bühne, sowie die performative Darstellung von Songs der 50er bis zu den 70er Jahren.  

  

  

Lena Wicke 

Projekt: Matti - Runter kommen alle 

  

Empfohlene Summe: € 8.000.- (Nachwuchsförderung) 

  

Lena Wicke und Rosemarie Poiarkov thematisieren in ihrem ersten gemeinsamen Projekt anhand der Biografie des finnischen Skisprung-Stars Matti Nykänen auf formaler Ebene den Akt des Sprechens. Das Stück untersucht das Verhältnis zwischen privater und öffentlicher Rhetorik, zwischen adressierter und anonymer Rede. Als Ausgangssituation dient den beiden Nachwuchskünstlerinnen eine Einladung an den Sportler, in einem öffentlichen Rahmen über sich und sein – skandalumwittertes – Leben zu erzählen. Flankiert von drei Frauen oszilliert der Protagonist zwischen Selbstreflektion, Rechtfertigung und der Bloßstellung von gesellschaft­licher und individueller Mechanismen der Disziplinierung. Dieser Monolog Mattis, von Rosemarie Poiarkov verfasst, ist eine ungeschönte Abrechnung mit Begriffen wie Erfolg, Absturz oder harter bzw. weicher Landung und bricht entschieden mit den gesellschaftlich akkordierten Kategorien von Siegen und Verlieren. Die Regie von Lena Wicke erstreckt sich nicht nur auf die Inszenierung der Textvorlage, sondern versucht durch eine, während des Spiels sich verändernde Raumsituation, welche durch eine mobile Bestuhlung bzw. temporäre Sitzgelegenheiten, den stetigen Redevorgang aufbricht, neue Perspektiven auf die DarstellerInnen und ihr Tun zu eröffnen. 

  

  

  

WR – Verein für humanitäres Ambiente 

Ralo Mayer 

Projekt: The Ninth Biospherian 

  

Empfohlene Summe: € 12.000.- 

  

  

Zwei Jahre, von September 1991 bis September 1993, lebten acht Personen in einem futuristischen Glashaus mitten in der Wüste Arizonas. Dieses riesige Terrarium war ein materiell geschlossenes System, indem die Probanden selbst ihre Nahrung erzeugten, Atemluft wie auch Wasser wurden von Pflanzen gereinigt. „Biosphere 2“ nannten die Forscher dieses Experiment, welches eine Miniaturausgabe der Biosphere der Erde wieder spiegeln sollte. Dabei kreierten  die Probanden eine zusätzliche neunte Person, welche sich aus dem verlorenen Gewicht der anderen Teilnehmer ergeben hätte. Der österreichische Künstler Ralo Mayer, bringt nun die Realität, Utopie und das Scheitern dieser Versuchsanordnung und deren sozialen, kulturellen und technologischen Aspekte im Palmenhaus Schönbrunn in Form einer Collage aus fiktivem und dokumentarischen Material zur Aufführung. Die sehr spezifische Themenstellung wie auch die geplante multimediale Umsetzung reihen sich nahtlos in die künstlerische Biografie von Ralo Mayer ein, dessen Interesse der Darstellung von sozialer Realität wie Migration, Globalisierung und postfordistische Ökonomie gilt. Ein einzelner Performer agiert zwischen der zunehmend komplexeren Erzählung aus dokumentarischer Erinnerung und fiktivem Erleben und ruft Bilder von Frankensteins Monster wach. Angereichert wird die schauspielerische Darbietung von einem Video, das sich aus Interviewsituationen mit dem Protagonisten zusammensetzt und einer Soundebene von Andreas Berger, die vorproduzierte Sprachbausteine, aber auch live gesampelte elektronische Klänge verwendet. 

  

  

ZOON  Verein für Musiktheater            

Thomas Desi 

  

Jahresförderung 

Empfohlene Summe: 40.000.- 

  

Nach seiner fein gearbeiteten Produktion Im Ungargassenland“, das in der Wohnung stattfand, in der Bachmanns Romanfigur Malina und die verschwundene Erzählerin wohnten, entwarf Desi eine musikalisches Miniaturbild, das sehr fein Textpassagen des Malina-Romans in Ort und Zeit einen musikalischen Erlebnisraum gestaltete. 

Nun bereitet sich Thomas Desi auf sehr unterschiedliche Musiktheaterprojekte unter dem Motto „Musiktheater Archäologie: Katalog der Gefühle vor: 

Die These dabei: Das Vergängliche am Theater, in der Musik widersetzt sich der Idee der Archäologie. Mit dem Aufkommen der Aufzeichnungsmedien wurde aber eine neue Möglichkeit geschaffen, deren Objekte als Funde in Archiven vergraben liegen. 

Film: Die musiktheaterarchäologische Rekonstruktion des Stummfilms „Orlacs Hände“ (Robert Wiene) ist das erste, das Thomas Desi mit seinem Team von Musikern, Darstellern und Visual Spezialisten umsetzten will. Forschungsgegenstand sind die Detailaufnahmen, die durch Licht und Gesten bestimmt sind, für die Rekonstruktion der Sprachgestaltung stehen Alexander Moissi und Fritz Kornter. Sie provozieren die Frage nach der Stimme und ihrem Klang. Aus der genauen Filmanalyse wird der Film in eine Textpartitur umgearbeitet, wobei das „expressionistische“ sowohl in der Sprech- und Rezitationsform, als auch die Bildprojektionen, die im Film selbst als Täuschungsmittel erscheinen. Deshalb sollen historische und aktuelle Medientechniken (16mm, 3-D) einbezogen werden. 

Thomas Desi hat  von der Besetzung über Raum als Drehort (brut), den Funktion von Lichtquellen bis zur Platzierung des Publikums „in der Szene“ eines Film, eine sehr  durchkomponierte Vorstellung von der Umsetzung seines Projekte, die, wie die folgenden, von Wissen um Bühnenvorgänge und Hingabe zum Detail zeugen. 

Fundus: „Lust, die Witwe: Everybody is beautiful“ in de Säulenhalle des MAK (Koproduktion mit MAK Nite und des Museums für angewandte Kunst) wird eine Kreuzung aus Ball und Aufführung. Die in der Partitur der Lustigen Witwe vorgegebenen Auftritte, Abtritte, Massenchoreographien werden von den Performern  in Kostümen aus den Fundus´ der Wiener Theater in der Reihenfolge der Dramaturgie ausgeführt. 

Fundus steht hier für Fund – Fundstück – ein Fetzen von Etwas , von einer Aufführung, 

Die Klanggrundlage wird eine Montage aus Sounds – Überlagerung zweier Wirklichkeitsebenen. „Die Operette wird operiert“ 

Fest: „Die Schlafkammeroper“ –  Musiktheaterszenen der Habsburgerkaiser Ferdinand III und Leopold I., sowie „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ von Monteverdi (das Ferdinand III gewidmet ist) im Oberen Belvedere, eine Konfrontation der Kulisse als „Wirklichkeit“  mit der darin dargestellten Welt im barocken Werk. 

Das ganze Thema der Ausgrabung und Rekonstruktion von in Vergessenheit geratenen oder neu zu sichtenden filmischen, theatermusikalischen und musikalischen Materialien,  in  der Verbindung von  Originalitätstreue und heutiger Setzungen und Medien ist sehr ambitioniert und verspricht spannende inhaltliche und formale Entdeckungen.


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